BG/BRG Lerchenfeld
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Junior-Bachmann-Literaturwettbewerb 2019

„Augenblicke“ hieß der Titel des 27. Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbes, bei dem sich Jugendliche aus dem gesamten deutschen Sprachraum in drei Kategorien literarisch miteinander messen konnten. Die Texte wurden von einer fachkundigen Jury bewertet.
Die Jungautorinnen und Jungautoren präsentierten ihre Siegertexte am 27. Juni 2019 in der Arena des Ingeborg-Bachmann-Preises im ORF Theater in Klagenfurt.

Emma Rodiga, Schülerin der 2A, wurde in ihrer Kategorie mit dem zweiten Preis ausgezeichnet.
Herzliche Gratulation zu dieser tollen Leistung!

Heinrich Braunecker, Klassenvorstand der 2A

2A

Im Augenblick gefangen

Mondlicht warf silbrige Schatten auf die Bettdecke. Unwillkürlich musste Anca an die seltsame Aprilnacht vor drei Jahren denken. Auch damals war Vollmond gewesen. Das Mädchen war aufgestanden, um in dem großen Bett ihrer Tante Matilda, die sich um sie kümmerte, seit Ancas Eltern einfach verschwunden waren, Schutz vor den schrecklichen Alpträumen, die in der Nacht kamen, zu suchen. Doch Matilda lag nicht in ihrem Bett. Die Bettdecke war zerwühlt, wie immer, aber diesmal machte es Anca Angst. Als sie panisch anfing, nach ihrer Tante, ihrer einzigen Verwandten, die sie kannte, zu suchen, geriet sie durch Zufall (nach drei langen Jahren konnte sich das Mädchen nicht mehr genau erinnern, wie es geschehen war) durch eine Luke in ein Zimmer, das sie nicht kannte, von dem sie bis zu diesem Augenblick nichts gewusst hatte. Der Raum war voller Regale aus hellem Holz, die mit Blumentöpfen, in denen unzählige Narzissen wuchsen, geradezu vollgestopft waren. Die gelben Blütenköpfe waren mit einer Art Staub gefüllt. Inmitten des ganzen Chaos‘ saß seelenruhig Matilda mit einem der Blumentöpfe in der Hand. Als sie Anca bemerkte, erschrak sie und rief: „Was machst du denn hier?!“ Sie war völlig fassungslos. Aber irgendwann sah sie ein, dass ihre Nichte nicht lockerlassen würde, bis sie ihr die ganze Geschichte erzählt hatte. Matildas Vater hatte die Blumen von einer seiner unzähligen Weltreisen mitgebracht, weil er schon immer eine Vorliebe für besondere Blumen gehabt hatte. Die feinen Körnchen, die Anca für Staub gehalten hatte, waren Augenblicke. Es gab ganz verschiedene Augenblicke, deshalb waren alle Blumentöpfe sorgfältig beschriftet. Man musste sich nur eines der Körnchen auf die Stirn legen, dann konnte man für einen Moment das Kribbeln von Freude oder das Plätschern von Traurigkeit, wenn sie in dein Herz tropft, spüren. Seitdem ging Anca oft in das Zimmer, beschriftete buntgemusterte Blumentöpfe und erlebte die verschiedensten Augenblicke. Solche, die sie schon eine Ewigkeit oder vielleicht auch gar nicht gespürt hatte. Aber das Mädchen war auch immer sehr vorsichtig, denn ihre Tante hatte sie vor den Augenblicken gewarnt. Man durfte nie mehr als ein Körnchen nehmen, denn sonst könnte es sein, dass man für immer in einem Augenblick gefangen war. Bevor sich Anca an diese Warnung erinnern konnte, war sie schon eingeschlafen. Doch sie wurde schon bald von einem Beben geweckt. Fast wäre Anca aus ihrem Bett gefallen, sosehr rüttelte der Boden, er schüttelte sich wie ein Hund nachdem er aus dem Wasser gekommen ist. Ein Erdbeben, schoss es Anca durch den Kopf. Ein furchtbarer Schreck grub seine Klauen in ihre Seele. Was, wenn die Narzissen, die wunderschönen Narzissen aus den Regalen fielen und… Matilda womöglich noch drin war und…? Daran wollte Anca gar nicht denken. So schnell es ging sprang sie aus dem Bett. Das Beben verstummte, aber nur um gleich wieder anzufangen, noch schlimmer als vorhin. Schwankend stolperte das Mädchen durch den Flur. Kurz darauf stand sie in dem Zimmer mit den Augenblicken. Panisch sah sie nach, ob Matilda noch zwischen den Regalen hockte, wie sie es so oft tat, doch Anca konnte sie nicht entdecken. Erleichtert lehnte sie sich gegen das helle Holz. Da hörte sie ein Klacken, als ob etwas umgefallen wäre und das Letzte was sie sah, war goldener Staub, der kein Staub war und auf sie herabrieselte. Das Mädchen hörte noch einen dumpfen Schrei, dann versank alles um sie herum in Dunkelheit und es gab nur noch Gefühle. Etwas schnürte ihr die Kehle zu, Tränen flossen über ihre Wangen, sie schmeckte etwas Salziges und eine Welle von Traurigkeit schwappte über ihr zusammen, so heftig, dass sie glaubte zu ertrinken.

Matilda sah ihre Nichte, sah wie ihre Augen glasig wurden und sie in sich zusammensackte. Matilda klammerte sich an ihren Arm, spürte wie kalt und gefühllos er war und sank schluchzend zu Boden. Es dauerte lang, bis alle Tränen versiegt waren, aber dann raffte Matilda sich auf und dachte: Mein Vater hat von einem Gegenmittel gewusst. Er muss irgendwo eines versteckt haben! Als sie sich auf die Suche danach machte, fühlte sie sich völlig leer. So, als wäre ihr Herz nur noch ein schwarzes Loch. Zwei lange Tage suchte sie ununterbrochen nach einem Gegenmittel. Matilda schlief nicht, sie aß nichts. Doch als zum zweiten Mal der Morgen dämmerte und der Himmel von blutroten Schlieren überzogen war, ließ sie sich auf das bunte Sofa, das in ihrem Zimmer stand fallen. Fast sofort sank sie in einen tiefen Schlaf. Als sie aufwachte, wusste sie plötzlich, wo sich das Gegenmittel befunden hatte, als ihr Vater noch gelebt hatte. Er hatte es ihr, als sie noch sehr jung war, verraten. Voller Tatendrang ging sie in das alte Büro ihres Vaters, das noch immer genauso aussah wie früher. Hastig schob sie das große Bild, das einen Wald zeigte, zur Seite. Nichts. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Verzweifelt tastete Matilda die Wand ab und danach das Bild. Als von ihrer Hoffnung nur noch ein mickriger Rest übrig war, ertastete sie im Bilderrahmen plötzlich so etwas wie Papier. Vorsichtig zog sie es hervor und hätte fast gelacht. Auf dem zerknitterten Stück Papier stand wie man das Gegenmittel zubereitete. Matilda ging in die Küche, samt dem restlichen Augenblickstaub, der von der Blume, die umgefallen war, noch übrig war. Sie hielt sich genau an die Anweisungen, wobei diese nicht besonders schwer zu befolgen waren. Sie verbrannte die Körnchen und nahm die Asche mit nach oben zu dem Zimmer in dem noch immer Ancas regungsloser Körper lag. Matilda holte tief Luft und legte sich die Asche auf die Stirn. Auf einmal war sie in einem hellen Raum. Hinter ihr war eine hellblaue Tür um die sich Narzissen rankten und vor ihr lag in tiefem Schlaf Anca auf dem Boden, zusammengerollt wie eine junge Katze. Vorsichtig hob Matilda sie hoch und trug sie zur Tür. Als sie gemeinsam hindurchtraten, erstrahlte ein helles Licht und Matilda kniff die Augen zu. Als sie sie aufschlug, war sie in dem Raum mit den Narzissen und Anca neben ihr öffnete die Augen. Ihre Tante umarmte sie so fest, als wollte sie sie nie mehr loslassen.

Später verbrannten sie die restlichen Narzissen samt ihrem seltsamen Blütenstaub und trugen die Reste davon in den Garten. Sie sahen zu, wie die Asche vom Wind fortgeweht wurde. Schließlich ist es doch besser, einen Augenblick zu leben, wenn die Zeit dafür gekommen ist.